Zurück zum Projekt Saurer Regen über Europa
Abgase, die mit der Luftfeuchte Säure bilden, waren eines der ersten großen Umweltprobleme, das Wissenschaft, Politik und Gesellschaft erkannten und zu bekämpfen suchten. Die Staaten der Europäischen Gemeinschaft verabschiedeten eine Reihe von Gesetzen, die Obergrenzen für die Freisetzung von Schadstoffen wie Schwefeldioxid und Stickoxiden festlegten (in Deutschland war dies vor allem die 1986 erlassene Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft); mit dem Clean Air Act traten 1970 in den USA ähnliche Beschränkungen in Kraft. Zwar entschärfen sie das Problem, doch fallen über Teilen Nordamerikas und Europas immer noch saure Niederschläge und schädigen unter anderem natürliche Ökosysteme - besonders Wälder - überraschend stark.
Der Grund sind paradoxerweise ebenfalls Maßnahmen zur Reinhaltung der Luft. Es wurden nämlich auch für feste Luftschwebstoffe Emissionsgrenzwerte festgelegt, weil sie nicht nur die Sicht trüben, sondern auch gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Asthma und Allergien hervorrufen können. Wie die amerikanischen Umweltforscher Lars O. Hedin und Gene E. Likens in der April-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" darlegen, enthalten Staubpartikel jedoch basische Komponenten, die Säuren zu neutralisieren vermögen. Filter und Staubabscheider etwa von Kohlekraftwerken oder Zementfabriken haben somit den Effekt, den man mit der Verminderung saurer Luftschadstoffe anstrebte, teilweise zunichte gemacht.
Dies belegen unter anderem Analysen von Regenwasser aus Nordamerika und Skandinavien. Danach ist der Gehalt der Luft an mineralischen Basen in einem wissenschaftlich überwachten Forst in New Hampshire seit 1965 um 49 und im Waldgebiet bei Sjöängen in Südschweden seit 1971 sogar um 74 Prozent zurückgegangen.
Dadurch bleiben aber nicht nur Regen und Schnee relativ sauer, auch die Bodenqualität leidet. Nach Untersuchungen der letzten Jahre stammt nämlich ein großer Teil der Nährstoffe, die Waldbäume brauchen, überraschenderweise aus der Atmosphäre. Mit dem Staubgehalt der Luft nahm somit auch der Nachschub an Mineralien für den Boden ab.
Die Folgen sind doppelt fatal: Die Pflanzen leiden Mangel, und die Böden büßen ihre Pufferkapazität ein. Damit richtet die in den Niederschlägen verbliebene Säure wesentlich größere Schäden an und kann in Grundwasser, Flüsse und Seen gelangen.
Wie läßt sich Abhilfe schaffen? Vor Jahren haben Industrievertreter vorgeschlagen, die Wälder großflächig mit Kalk zu düngen. Das wäre jedoch kostspielig und kaum überall praktikabel, schon gar nicht auf Dauer. Ebenso unrealistisch scheint das vorsätzliche Freisetzen großer Mengen mineralischer Partikel - abgesehen davon, daß es die Bemühungen zur Reinhaltung der Luft um Jahrzehnte zurückwerfen würde. Der einzig sinnvolle Ausweg ist somit, die Schwefeldioxid- und Stickoxid-Emissionen weiter zu verringern - bis auf Werte, die von der natürlichen Pufferkapazität basehaltiger Schwebeteilchen abgefangen werden können.
Doch selbst dann wird es Jahre dauern, bis sich im Boden wieder basische Substanzen anreichern; und bis sich der verarmte Nährstoffpool erneuert hat, dürften Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergehen. Vorerst kommt es darauf an, den Schädigungsgrad noch genauer zu registrieren und die Zusammenhänge mit der Luftchemie eingehender zu erforschen als bisher, damit sich Art und Ausmaß der künftigen Gefährdung gerade der Wälder zuverlässiger abschätzen lassen. Für die Bewahrung komplexer Ökosysteme gibt nun einmal keine einfachen Rezepte.
Den vollständigen Artikel von Lars O. Hedin und Gene E. Likens über "Atmosphärischer Staub und saurer Regen" finden Sie auf den Seiten 52 bis 55 in der April-Ausgabe 1997 von Spektrum der Wissenschaft.
Zurück an den Anfang
Zurück zum Projekt Saurer Regen über Europa